18. Juli bis 18. August 2012

Künstlereingang

der Blick durchs Schlüsselloch der Bregenzer Festspiele

Dienstags von und mit: David Danholt in Kooperation mit den Vorarlberger Nachrichten


Home, sweet Home!

Dienstag, 17. August. Die Festspiele sind fast zu Ende und wir machen diese Woche die letzen sechs ”Aida”-Vorstellungen. Ich denke, dass ich den Boten jetzt für ein ganzes Leben gesungen habe. Nächstes mal Radames? Vielleicht in fünfzehn Jahren, wer weiß...

Leider war das Wetter mehr schlecht als gut. Und das wird hoffentlich nicht lange in der Erinnerung von der Zeit in Bregenz bleiben. Aber ich habe dadurch gelernt, dass man unter verschiedenen Bedinungen singen kann. Normalerweise müssen wir Sänger und Sängerinnen uns ja nur mit den Verhältnissen drinnen beschäftigen. Der extra Faktor hier, das Wetter, bedeutet auch sehr viel für unsere Leistung.

Meine Frau und ich freuen uns jetzt auf das Nachhausefahren. Bregenz und Vorarlberg ist eine schöne Ecke Österreichs (wenn es nicht regnet). Aber die Heimat ist doch das Beste. Ich hoffe aber doch, zurück nach Bregenz zu kommen.

Ich weiß immer, wenn ich beginne zu viel Geld auszugeben, dass die Zeit fürs Heimkehren gekommen ist. Letzte Woche waren meine Familie und ich in Lindau. Und ohne eine Geldmenge zu erwähnen: wir haben viel zu viel gekauft! Ich weiß überhaupt nicht, wie das alles ins Auto passen soll.

Diese Woche hoffen wir auf besseres Wetter, da die Freundin von meiner Frau und ihre Tochter kommen. Wir möchten ihnen so gerne die Rappenlochschlucht zeigen, weil es uns so sehr gefallen hat. Und eine Bootsfahrt wäre auch nicht schlecht.

Montag geht es dann zurück nach Dänemark in unsere Wohnung in Kopenhagen. Zuerst nach München und von dort weiter mit dem Autozug nach Hamburg.

Servus und Auf Wiedersehen Bregenz. Die dummen Dänen kommen ganz bestimmt wieder zurück!


Das Boot fährt offentsichtlich heute nicht ab.....

Dienstag, 10. August. Noch eine Woche, und wir haben die erste Hälfte der Vorstellungen hinter uns. Leider mussten wir noch einmal ins Haus umsiedlen, weil sich das Wetter wieder von der minder schönen Seite gezeigt hat. Ich habe immer Mitleid mit den Zuschauern, die nach Hause gehen müssen.

Freitags haben wir doch draußen gespielt. Aber an diesem Abend ist dann etwas ganz anderes passiert. Ich liege ja in einem kleinen Ruderboot vor der "Aida"-Kulisse und warte auf meinen Auftritt. Dafür wird das Boot von der Uferseite über das Wasser gezogen in Richtung der blauen Füße. Aber an diesem Abend war das Boot festgebunden! Der Techniker zog mit aller Kraft an dem Seil, aber es half nichts. Das Boot bewegte sich keinen Zentimeter. Solche Sachen passieren ab und zu, wenn man Theater macht. Ich musste dann zu Fuß zu meinem Auftritt über den Steg auf die Seebühnhe laufen - mit zwei übergezogenen schwarzen Decken, damit man mich nicht sieht. Was für Witze es danach gab! Ich hätte den Techniker nicht genug bezahlt, ich hätte nicht genug Münzen in den Bootautomaten eingeworfen oder ich wollte, wie Tenöre immer, nur ganz vorne auf der Bühne stehen und singen.

Der ältere Sohn meiner Frau war letzte Woche zu Besuch hier in Bregenz. Das war so schön, da wir uns schon lange nicht gesehen haben. Samstag Abend war er da und hat die Vorstellung angeguckt. Er ist, wie die meisten Teenager, kein Opern-Fan. Aber diese Vorstellung fand er spitze. Das hat mich sehr gefreut, auch weil er gesagt hat, dass es nicht seine letzte Opern-Vorstellung sein würde.

Und phantastisch ist es zu sehen, wie gut die zwei Brüder miteinander auskommen, trotz dem großen Jahresunterschied. Heute fängt der Ältere in einer Hochschule in Dänemark an und wir haben noch nicht an Kinderkrippe für den Kleinen gedacht. So ist das Leben manchmal merkwürdig.

Diese Woche gibt es zwei freie Tage nach einander. Hoffentlich wird das Wetter besser, denn wir möchten gerne eine Schiffsfahrt auf dem Bodensee machen. Wir drücken die Daumen.


Die dummen Dänen und das Gebirge im Bregenzerwald

Dienstag, 3. August. Eine weitere Woche mit Vorstellungen jeden Abend ist vorbei. Leider sind wir jetzt fertig mit den Vorstellungen von "Passagierin". Ich hoffe, mal den Walter in dieser Produktion singen zu dürfen. Eine der besten Produktion, woran ich jemals teilgenommen habe. Ich danke allen, die bei dieser Weltbühnen-Premiere dabei waren, für eine schöne Probezeit und phantastische Vorstellungen.

Doch in dieser Woche gab es noch ein weiteres Ereignis. Meine Schwiegereltern sind auf Besuch nach Bregenz gekommen. Leider hat es die ersten Tage sehr viel geregnet. Und das ist eine sehr schlechte Kombination, zusammen mit dem Faktum, dass meine Schwiegereltern sehr aktive Leute sind. Was tut man dann, wenn sie eher outdoor-orientiert sind?

Dann lernt man, dass man auch Tourist sein kann, wenn das Wetter schlecht ist. Zuerst waren wir in Feldkirch; Welch schöne Stadt das ist. Leider hatten wir nicht mit dem Stau zwischen Dornbirn und Bregenz gerechnet. Und mit einem hungrigen, schreienden Kind ist eine Stunde im Verkehr fast zu viel. Alles mögliche wurde versucht, doch ohne Erfolg. Meine Ohren waren ganz rot von all dem Geschrei. Fast so schlimm, wie eine Wagner-Sopranistin (Pardon, liebe Kollegininen).

Aber das Wetter wurde doch noch besser. Am Sonntag war es sehr schön. Die ganze Familie ist dann nach Mellau gefahren und hat da die Bergbahn ins Gebirge hinauf genommen. Wie ich früher geschrieben habe, ist Dänemark ein bergarmes Land. Darum wissen wir gar nichts von Ausrüstung beziehungsweise Schuhen und Stiefeln, Wanderstäbe und so weiter. Meine Frau hat nur Sandalen mitgebracht. Trotzdem haben wir eine längere Route ausgewählt. Auf dem Schild stand eine Dauer von eineinhalb Stunden. Aber wenn die dummen Dänen das versuchen, ohne richtig ausgerüstet zu sein, dauert das, pass auf, vier ganze Stunden. Mamma mia, nächstes Mal mit richtiger Ausrüstung.


"Singing in the Rain" oder so viel Regen gab es wohl niemals in Ägypten...

Dienstag, 27. Juli. Ich habe jetzt vier Premieren in einer Woche gesungen. Das würde normalerweise ein wahnsinniges Vorhaben sein, wenn es sich nicht, wie in meinem Falle, nur um kleinere Partien handelt. Ein Mal "Die Passagierin" und drei Mal "Aida". 

Ich war sehr gespannt, wie das Publikum auf "Die Passagierin" reagieren würde. Die wahre Geschichte über Holocaust und KZ-Lager bringt immer noch schlechte Gedanken hervor bei Leuten, die den Krieg erlebt haben, doch auch bei der Generationen danach. Aber alle meine Kollegen auf und hinter der Bühne haben es geschafft, diese Geschichte so wahrhaftig wie möglich zu transportieren. Ich bin stolz, ein kleiner Teil dieser Weltbühnen-Premiere zu sein.

Am nächsten Tag war es dann Zeit für die "Aida"-Premiere. Und was für ein Abend! Es hat geregnet und geregnet und geregnet und geregnet und... Mein lieber Kollege Arnold Rawls, der den Radames singt, ist fast weggeschwommen, als er die berühmte Eröffnungs-Arie "Celeste Aida" geliefert hat. Das erlebt man wohl niemals in einem Opernhaus, oder?

Ich bin in "Aida" fast von Kopf bis Fuß geschminkt. Und natürlich war mein Gedanke, dass das alles wieder abgeduscht werden würde. Aber mein Auftritt ist ja fast fertig, bevor er angefangen hat, so wurde die Bemalung nur ein bisschen zerstört. 

Leider musste man die Vorstellung abbrechen und dann ins Festspielhaus verlegen. Schade für die ca. 5000 Leute, die den Rest der Oper nicht erlebt haben. Besser ging es dann am Tag danach. Und die letzte Premiere haben wir sogar ganz ohne Regen gesungen.

Und was macht der "SS-Mann"/Bote, wenn er nicht wie fast jeden Abend Aufführung hat? Ja, heute habe ich die ganze Wohnung gestaubsaugt, und gestern waren meine kleine Familie und ich in Dornbirn, wo wir ein schönes Mittagsessen im Roten Haus gegessen haben. Empfehlenswert!

Und zu letzt: Warum das merkwürdige Photo? Meine Frau und ich haben mit einem guten Freund in Dänemark eine kleine Sammlung von Photos mit Feuerwasserhänen aus verschiedenden Ländern. Wir haben die Geschichte erfunden, dass es kleine Männer von einem anderen Planeten sind, die uns überwachen.


Mit schlechtem Gewissen und der besten Frau der Welt im Bezauer "Hochgebirge"

Dienstag, 20. Juli. Als meine kleine Familie und ich vor über einem Monat in Bregenz angekommen sind, hätten wir im Traum niemals daran gedacht, dass wir uns so wenig sehen würden. Denn obwohl ich mit meinen zwei kleineren Rollen in "Aida" und "Die Passagierin" wenig zu singen habe, muss ich trotzdem sehr viel proben. Das bin ich nicht gewohnt, aber es ist eine gute Lehrschule hier bei den Bregenzer Festspielen.

Gott sei Dank kennt mein Kleiner immer noch die Stimme und das Aussehen seines Vaters! Ich habe so ein schlechtes Gewissen, weil ich meine Frau hierher mitgenommen habe. Aber Sie sagt, dass Sie mehr und mehr das Arbeitsleben eines freischaffenden Opernsängers kennen- und verstehen lernt. "Und eine Scheidung ist nicht eingereicht", sagt sie mit ironisch-humorvoller Stimme. Ich habe die beste Frau in der Welt!

 Und das gibt mir dann die Möglichkeit daran zu denken, dass es eine große Ehre ist mit so begabten Künstlern zusammen zu arbeiten. Meine beiden Produktionen - See und Haus - werden meiner Meinung nach Vorstellungen, die man lange nicht vergessen wird. Krieg und Unterdrückung sind Themen, die wir jeden Tag in dieser Welt erleben. Das stimmt nachdenklich. Kunst, die das aktuell zeigt, muss immer eine Berechtigung haben.

Gestern - einer meiner wenigen freien Tage - war sehr schön und erholsam. Die ganze Zeit konnte ich mit meinem Sohn und meiner Frau zusammen sein. Es ist alles so schön hügelig hier. In meiner Heimat Dänemark liegt die größte Erhebung bei nur 180 Metern über Normalnull. Das sah gestern in Bezau bei unserem Familienausflug schon fast wie Hochgebirge aus. Leckeres Mittagessen in einem Gasthaus. Und vor allem: Keine SS-Uniform und kein Theater-Blut (bin ich ganz beschmiert damit in "Aida"). Nur Ausruhen und die Zeit mit meinen zwei Lieblingen genießen. Bregenz kann vielleicht noch die Stadt meiner Träume werden. Denn nach den Premieren finden keine Proben mehr statt...