18. Juli bis 18. August 2012

Künstlereingang

der Blick durchs Schlüsselloch der Bregenzer Festspiele

Donnerstags von und mit: Katharina Eß


Ein neuer Anblick

Donnerstag, 19. August. Ich kann mich noch erinnern als ich das Bühnenbild der "Aida" vor mehr als zwei Jahren zum ersten Mal gesehen habe. Ich war irritiert: zwei riesige Füße, die frei auf der Bühne stehen, zwei am Rand postierte, gelbe Kräne und verschiedenste Einzelteile, die scheinbar wirr im Wasser liegen

Jetzt, nach zwei Saisonen "Aida", sehe ich das Bühnenbild mit anderen Augen: Ich habe miterlebt, wie die einzelnen Bühnenteile in die Oper integriert werden, weiß, dass die zerbrochene Statue für zerschlagene Freiheit steht und sehe die beiden Kräne nicht mehr als Ungetüme, sondern als grazile Mitwirkende, die trotz ihrer Größe ihre künstlerische Arbeit millimetergenau erledigen.

In vier Tagen heißt es Abschied nehmen von diesem Anblick, an den man sich so gewöhnt hat. Nachdem man dieses Kunstwerk als Mitwirkende in der Oper erlebte, seine Symbolik versteht und es sowohl bei traumhaften Sonnenuntergängen als auch unter strömendem Regen sah, wird es unter Melancholie verabschiedet.

Im Herbst wird bereits mit dem Aufbau des Bühnenbildes für das nächste Spiel auf dem See, die französische Revolutionsoper "André Chénier", begonnen werden. Auch die neue Kulisse wird zu Beginn wie ein Fremdkörper im Bodensee wirken. Aber aufs Neue werden wir es nach einiger Zeit als integralen Bestandteil eines Gesamtkunstwerkes kennenlernen und der Abschied wird uns nach zwei Jahre nicht weniger schwer fallen. 

In diesem Sinne: Ciao "Aida", willkommen "André Chénier".


Auf Fortissimo folgt Piano

Donnerstag, 12. August. Es ist halb acht Uhr morgens. Ich sitze – noch alleine – im Büro, halte während des Tippens kurz inne und höre … nichts. Es ist still im Büro: kein Telefonklingen, keine Gespräche, keine Schritte auf dem Gang, kein Gesang und keine Musik.

Rückblende: Gestern um halb ein Uhr nachts habe ich das Büro verlassen. Ich hatte in der Festspiel-Lounge mitgearbeitet, dem Angebot, bei dem Gäste einen Aperitif, eine Führung, Abendessen, die „Aida“-Vorstellung und einen Schlummertrunk genießen dürfen. Nachdem um 21 Uhr alle Gäste auf ihre Plätze geleitet waren und die ersten Töne der Ouvertüre erklangen, machte ich mich auf in unser Büro. Tür auf, Deckenlautsprecher mit Seebühneneinspielung ein, hinsetzen, einmal tief durchatmen und das Gefühl genießen, dass man sich an einem ganz besonderen Arbeitsplatz befindet. Höre ich hier abends die „Aida“, wird auch in einem gewöhnlichen Büroraum die einmalige Festival-Stimmung spürbar.

Als gegen Mitternacht nach Verabschiedung der Gäste mein Kraftpensum dem Ende zugeht, scheint der Mitarbeitertrakt des Hauses nach der energiegeladenen Performance noch voller Leben zu sein. Künstler, die gerade eben noch auf der Bühne gefeiert wurden, treffen sich in der Kantine, um den Abend ausklingen zu lassen und den Adrenalinspiegel wieder in einen gewohnten Pegel zu bringen. Mitwirkende hinter den Kulissen wuseln durch die Gänge, um ihre Arbeit für diesen Abend zu beenden. Als ich das Festspielhaus verlasse, ist im Haus noch deutlich die begeisterte Stimmung der gelungenen 14. „Aida“-Vorstellung spürbar.

Beim Betreten heute Morgen meine ich in eine andere Welt geraten zu sein. Der Vorplatz liegt verlassen, auf den Gängen ist es ruhig und die Seebühne liegt still im Nieselregen. Es ist gut zu wissen: das Crescendo kommt bestimmt.


Ecuador fast zu Gast in Bregenz

 Donnerstag, 5. August. Acht Monate des vergangenen Jahres habe ich in einem Land verbracht, in dem die Bregenzer Festspiele geographisch und gedanklich weit entfernt liegen. Mitten im bescheidenen, chaotischen Leben Ecuadors war es schwer vorstellbar im Sommer wieder in einem modernen, top-organisierten Unternehmen zu arbeiten.

Letzte Woche telefonierte ich endlich wieder einmal mit meiner ecuadorianischen Gastfamilie. „Wann nehmen Sie uns mit in Ihr Land?“, fragt mich meine Gastoma nicht ganz ernst gemeint. “Wann immer Sie Zeit haben!“, entgegne ich. Als Antwort lacht sie nur ihr herzliches ecuadorianisches Oma-Lachen. Wir beide wissen, dass die 62-jährige, zwölffache Mutter, nie einen Fuß in ein Flugzeug setzen wird. Europa liegt für eine ecuadorianische Selbstversorgerfamilie weiter als nur einen Ozean entfernt.

Nach diesem Telefonat überlege ich, wie absurd es wäre, meine ecuadorianische Familie in Bregenz zu begrüßen. Ein „Aida“-Ticket der günstigsten Kategorie kostet mehr, als mein Gastopa monatlich an Pension erhält. Für Menschen, die in ihrem Land als Gast übriges Essen in einen Plastiksack packen, um es zu Hause zu essen, wären die hierzulande täglich entsorgten Essensmengen wohl unverständlich. Und in meinem ecuadorianischen Dorf war es an der Tagesordnung, dass aufgrund von Energieknappheit fließend Wasser und Strom abgedreht wurde.

Trotz des Bewusstseins dieser Gegensätze arbeite ich bereits seit einem Monat nach meiner Rückkehr aus Ecuador wieder mit gutem Gewissen in diesem Unternehmen. Vielleicht deshalb, weil ich mir selbst doch näher bin als einem Land, das mir zwar am Herzen, aber auf der anderen Seite der Erde liegt. Oder weil die Vorstellung einer gerechten Welt eine Utopie ist.

Doch zumindest kann ich meiner Gastoma beim nächsten Telefonat sagen: „Señora, ich habe über Sie im Internet geschrieben“, was sie (nach meiner Erklärung, wie sie sich das Internet vorstellen kann) mit einem stolzen Lachen quittieren wird. Und es ist gut, sich in einem Unternehmen zu wissen, in dem dies möglich ist.


Infiziert

Donnerstag, 29. Juli. Woran man erkennt, dass die Festspielsaison begonnen hat? Unser Büro gleicht wieder einem begehbaren Kleiderschrank, entfernte Bekannte melden sich plötzlich, um zu fragen, ob noch - Räuspern - vergünstigte Karten für die „Aida“ zu haben wären und ich will meine Umgebung ständig an meiner Festspielstimmung teilhaben lassen. Es ist wieder ausgebrochen: das Festspielfieber.

Am Samstagabend kehre ich nach drei Tagen in Bregenz wieder nach Hause (Feldkirch) zurück. Die kurzen Nächte der Premierentage verbringe ich der Einfachheit halber in einem ehemaligen Pensionszimmer in Lochau. Als ich - nach einer Eröffnung, zwei Premieren, einem Empfang, einer Premierenfeier und einem Tag im Büro - alle Viere von mir streckend endlich wieder in meinem eigenen Bett liege und ich mich den Triumphmarsch summen höre, weiß ich: es hat mich wieder erwischt.

Am nächsten Morgen um acht, auf meine persönliche Rekord-Stundenanzahl-Woche zusteuernd, sitze ich am Bahnhof Rankweil, auf den Zug nach Bregenz wartend. Ein Mann bittet mich um eine Ortsauskunft und fragt wohin ich so früh am Sonntagmorgen schon unterwegs sei.  Auf meine Antwort „zur Arbeit“ ernte ich einen mitleidigen Blick, den ich sofort mit einem „bei den Bregenzer  Festspielen“ entschärfen muss.
„Das heißt, bei Aida auf dem See?“  Eine Fragestellung in Verbindung mit „Aida“ löst in mir unweigerlich einen Redeschwall aus, der in einer Einladung auf das gleich stattfindende Festspielfrühstück endet. Tatsächlich betritt er eine Stunde später erstmals das Festspielhaus und bedankt sich nach dem höchst interessanten Frühstücksgespräch, das diesmal mit Frau Posmysz stattgefunden hat, für den guten Tipp. Trotz - oder gerade wegen - einer Sieben-Tage-Premierenwoche, wird die Festspielstimmung auch in der Freizeit mit jedem geteilt, der sich auch nur ein bisschen interessiert zeigt.

Aus Erfahrung weiß ich: Nach vier Wochen sind die Heilungschancen gegen das Festspielfieber durchaus aussichtsreich, doch bis dahin wird sich bestimmt noch das ein oder andere Opfer durch mich anstecken lassen.


Der Sturz des Pharaos und die Öffnung des Eisernen Vorhangs

Donnerstag, 22. Juli. Die letzte Zeit war so intensiv, wie es nur Vorpremierentage sein können.

Frühmorgens, in einer ruhigen Minute vor der Premiere "Aida", schaffe ich es endlich, zwei geschichtsträchtige Gänsehautmomente der letzten Wochen festzuhalten.

Können Sie sich vorstellen, dass der Chef eines Weltkonzerns in ein "Aida"-Kostüm gekleidet seinen Kollegen eine Arie vorsingt? Trotz dieses Zweifels schicken wir Mitte Juni zwanzig Top-Manager und ihre Frauen bei einem Sponsorenanlass in einen unserer "Aida"-Workshops. Hinter der letzten Dame in Sommerkleidchen und High Heels schließt sich die Tür zum Workshopraum. Wir haben alles organisiert, nun liegt die Verantwortung ganz bei den Workshopleitern. Zweieinhalb Stunden später blicken wir erleichtert in begeisterte, höchst amüsierte Gesichter. Die Präsentation der Best-Of-Szenen lässt uns erahnen, was sich hinter verschlossenen Türen abgespielt hat: Der CEO schmachtet, in ein Sklavenkleidchen gehüllt, den Radames verkörpernden Manager an und ein Pharao wird auf der Bühne kurzerhand unter Demokratie-Rufen von seinen Kollegen vom Thron gestürzt. 

Der zweite historische Moment ereignet sich drei Wochen später während einer Veranstaltung für den Cercle, ein Kreis von Förderern der Bregenzer Festspiele.

Kulisse der Veranstaltung ist heuer die in blaues Licht getauchte Seitenbühne im Festspielhaus. Nach dem Dinner treten Elena Kelessidi und Artur Rucinski, Künstler der diesjährigen Hausoper "Die Passagierin", ans Klavier und beginnen ein berührendes Duett zu singen. Plötzlich schwebt hinter ihnen der sogenannte Eiserne Vorhang (die Brandschutzwand zwischen Bühne und Seitenbühne) fast lautlos nach oben. Durch die darunter auftauchenden Nebelschwaden lassen sich nach und nach die Nachbildung eines Konzentrationslagers und das Deck eines Ozeandampfers erkennen: Das Bühnenbild der Oper im Festspielhaus. In beklemmender Nähe zur edlen Dinnergesellschaft hat sich plötzlich ein Stück Vergangenheit aufgetan, das mit Untermalung der berührenden Musik Weinbergs keinen kalt lässt. 

In meiner persönlichen Festspiel-Geschichte haben der gestürzte Pharao und die Öffnung des "Eisernen" auf jeden Fall einen Eintrag verdient.