18. Juli bis 18. August 2012

Künstlereingang

der Blick durchs Schlüsselloch der Bregenzer Festspiele

Montags von und mit: Susanne Schmidt

Nach den Festspielen ist vor den Festspielen

Montag, 16. August. Wäre ich doch als Wetterfrosch geboren, dann hätte ich es diesen Sommer mit den Open-Air-Entscheidungen leichter gehabt. Können wir draußen spielen oder nicht? Wenn ja, schaffen wir es bis zum Schluss, oder sollen wir lieber von Anfang reingehen? Wie geht es den Künstlern auf der Bühne im Regen, wie dem Publikum? Halten die Mikrophone...? Das fragen wir uns fast jeden Abend.

Oft regnet es um uns herum, aber "das kleine Dorf Gallien" – die Seebühne - widersteht dem allgemeinen Trend und kommt wider aller Vorhersagen wieder mal trocken oder nur mit gelegentlichem, kaum merkbarem Nieselregen davon. Aber nach 20 Vorstellungen sind wir doch mürbe und die Nerven liegen langsam blank. Wenn dann allerdings wieder ein gute Vorstellung draußen geschafft ist, gerade so ohne Regen oder mit Feuchtigkeit in der Luft – dann sind wir alle stolz auf unsere Künstler und unser konzentriertes, enthusiastisches Publikum und ich radle um Mitternacht zufrieden am See entlang nach Hause.

Ansonsten räumen wir schon fleißig die Akten der 2010-Projekte zusammen und die Produktionen der Jahre 2011 und 2012 klopfen lautstark an die Tür. Bevor die Saison zu Ende geht, möchte ich die meisten Details für den neuen Hauptprospekt druckreif haben - und die damit zusammenhängenden Künstler unter Vertrag.

Komponistin Judith Weir kommt anlässlich des von ihr kuratierten Konzertes zu Besuch und wir sprechen ausgiebig über alle Projekte, die Werke von ihr präsentieren, was eine Menge sein werden. Sie wird – wie dieses Jahr Weinberg – im Mittelpunkt der nächsten Saison stehen. Anders als Weinberg ist sie eine lebende Komponistin, zugänglich, warmherzig und sehr angenehm in der Zusammenarbeit.

Unser Intendant eröffnet in seinem Kopf und auf seinem CD-Spieler bereits die Saison 2011 und was das Programm angeht, sind wir schon tief in Details für 2012 und 2013. Nach den Festspielen ist eben vor den Festspielen. Da unterscheiden sich die Festspiele nicht vom Fußball.

 

Das Abschiednehmen beginnt bereits, obwohl gleichzeitig anderes gerade erst beginnt.

Montag, 9. August. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge lassen wir die Künstler der "Passagierin" weiterziehen. Mit einem lachenden, weil keiner krank geworden ist und einem weinenden Auge, weil es schon vorbei ist, wir aber noch gut zwei weitere Vorstellungen hätten füllen können. Es war eine besonders spannende und stimulierende Produktion und hat alle Beteiligten zusammengeschweißt. Einige werden sich bald in Warschau am Wielki Teatr, Europas größtem historischen Opernhaus, zur Wiederaufnahme auf einer anderen Bühne, aber im gleichen Bühnenbild wieder begegnen. 

Ein paar Tage später geht dann auch die letzte Vorstellung vom "Portrait" über die Bühne am Kornmarkt und auch hier sagen wir "Tschüss und bis zum nächsten Mal". Die Produktion zieht ebenfalls weiter – nach Kaiserslautern, aber nur einer der Sänger, Claudio Otelli, wird bei der Wiederaufnahme dabei sein.

Die diesjährige Akademie entlässt ihre Studenten und Dozenten mit einem wahren Marathon an Abschlusskonzert, während wir am See einmal mehr meteorologisch bedingt um die Aufführung draußen zittern. 

Abend für Abend steht "Aida" auf der Seebühne am Spielplan. Das Wetter lässt sich dieses Jahr doch sehr bitten – aber, wir hatten bislang wirklich viel Wetterglück in einem Sommer, der fast keiner mehr ist. 

Nach einer komplett geglückten Aufführung draußen beschwert sich die "Aida" im Anschluss auf der Hinterbühne bei mir, sie wolle bitte ihre Arie alleine singen und nicht im Duett mit den Enten und Blesshühnern. Wenn ich auf die Welt der anderen Seebühnennutzer Einfluss nehmen könnte, dann würde ich unsere diesjährige neunköpfige Schwanenfamilie vom Inspizienten zur "Preshow" eine viertel Stunde vor Spielbeginn einrufen lassen und majestätisch zwischen der Tänzer-Plattform und des Boten-Steges vorbeiziehen lassen. Fünf braune und zwei weiße Junge mit ihren Eltern gegen die untergehende Sonne. Das wäre ein pittoresker Auftakt zu unserer allabendlichen "Aida"-Vorstellung. Aber leider lassen sich weder die einen Wasservögel für eine stumme Rolle verpflichten, noch die anderen zum zeitgerechten Auftritt engagieren. Künstler und Wasservögel müssen einfach weiter "friedlicher Koexistenz" üben. 


Eine extrem bunte Woche geht zu Ende.

Mit Tenor David Danholt spreche ich zu den Rotariern über Casting bei den Bregenzer Festspielen. David ist in bewährter Weise ein guter und interessanter Gesprächspartner. 

Wir erfahren, dass Librettist Medwedew gestorben ist. David entschließt sich vor der zweiten "Passagierin" Vorstellung eine Widmung zu sprechen und muss an einem hochvollen Tag schnell noch nach Hause, um sich von einem seiner laut karierten Sakkos auf etwas Gedeckteres umzuziehen. 

Währenddessen versorge ich Ehepaar Fedoseyev und Frau Posmysz, zu deren Ehren ein Abendessen im großen Kreise gegeben wird. Ich schaffe die Rückkehr eine halbe Stunde vor Ende der Vorstellung, bekomme noch einmal den bewegenden, langen stillen Augenblick zwischen Ende der Oper und Schlussapplaus mit. Ich radle im strömenden Platzregen nach Hause, nicht ahnend, dass die Stärke die ganze Nacht anhalten wird und uns in Lochau-Tannenbach am nächsten Morgen eine Schlammmure am Haus entlang schicken wird.

Wir machen uns Sorgen, dass die Zuschauer wegen der gesperrten Strassen nicht pünktlich zur Seeaufführung eintreffen. Unser Publikum ist aber um 21:15 Uhr geschlossen auf den Plätzen. Trotzdem beginnen wir erst um 21:30 Uhr wegen Helikopter-Aufräumarbeiten. 

Nun begrüßen wir teils in Folge, und teils gleichzeitig die Regieteams für See- und Hausoper 2011, sowie Komponist und Librettist für 2013. Konzepte werden vorgestellt, Details festgezurrt, Ideen ausgetauscht. Wir haben zwei große Vorsingen – größtenteils für "André Chénier" und hören ein paar sehr spannende neue Sänger. Ich finde es immer sehr befriedigend festzustellen, dass es immer wieder neue, gute Künstler zu entdecken gibt. 

Intendanten von bestätigten und potentiellen Koproduktionshäusern kommen vorbei, um eine oder mehrere unserer Produktionen anzuschauen und mögliche Zusammenarbeiten zu erörtern oder zu konkretisieren. "Nebenbei" laufen die Proben zu Orchesterkonzerten und die Endproben für "Das Portrait". 

Langsam laufen die Gäste für das Weinberg Symposium ein. Mehr Termine und Gespräche. Das Motto lautet, keine Gelegenheit auszulassen. 

Donnerstag versuchen wir dann, uns dreizuteilen für Generalprobe am Kornmarkt, Startkonzert für die Akademie und Aida Vorstellung bei schlechten Wetterprognosen. Während David versucht, das Akademiekonzert zu hören, gehe ich zum Beginn der Generalprobe, um aber kurz darauf zur Seevorstellung zu springen, wo eine Regenabsage droht und nach langem Hoffen und Zuwarten auch eintritt. Für die unbeliebte Entscheidung ist auch der Intendant am Platz, nach zur Hälfte erlebtem Konzert. 

Es ist schön, wenn das Haus brummt und es gut läuft, aber wir freuen uns auch, wenn heute das "Power Wochenend"“ zu Ende geht und wir "nur" noch den ganzen normalen Festspielwahnsinn manövrieren müssen.


Von einem Gänshaut-Moment, zu wenig Schlaf und dem Privileg, mit dem Bundespräsidenten zu schippern

Montag, 26. Juli. Die vergangene Woche startete mit zwei guten Generalproben morgens im Haus und abends am See. Parallel zur "Passagierin", wurden am See noch einmal in sengender Hitze Korrekturen geprobt. Da diesmal der als Bote doppelnde "SS-Mann" wegen der Generalprobe im Haus nicht verfügbar war, probierten wir die Rolle mit einem jungen Kollegen, der eigentlich drei andere Rollen im "Portrait" singt, aber den Boten bereits regelmäßig in Zürich gesungen hat und an diesem späten Vormittag verfügbar war. So hatte die Probe einen Boten; er lernte unsere Regie und ich kann ruhig schlafen, weil ich weiß, dass ich im Notfall einen Ersatz habe, der bis zum 5. August in Bregenz ist und danach auch nur zwei Stunden entfernt, in Zürich. 

Am nächsten Vormittag ist Generalprobe von der Indoor-"Aida" im großen Saal. Unsere Festspielfreunde kommen für einen Probenbesuch vorbei. Die Produktion ist ein Novum, da sie bekanntlich vergangenen Sommer nicht zum Einsatz kam. Vor dem Probenbesuch plaudere ich mit Karine Babajanyan, die in zwei "Tosca"-Jahren einige denkwürdige Abende unter gemischtem Wetter gesungen hat, einschließlich der legendären letzten "Tosca"-Vorstellung am Abend der Verabschiedung von Direktor Salzmann. Es war ein lockeres Gespräch mit den Freunden und es wurde viel über die diversen Anekdoten gelacht. Karine bekannte sich eindeutig und mit Enthusiasmus zu Open-Air-Vorstellungen, egal was das Wetter treibt. Das sind mir die liebsten Sänger. 

Nach einer buntgemischten, schönen Eröffnung am Vormittag, erlebte ich die Uraufführung von "Die Passagierin" - die wohl bewegendste Premiere in meiner persönlichen Operngeschichte. Es war ein Gänsehaut-Augenblick, als David Pountney die KZ-Überlebende und Autorin Zofia Posmysz auf die Bühne holte und das Publikum geschlossen aufstand. 

Ich hatte dann am folgenden Tag das Privileg, mit Zofia Posmysz, Karine Babajanyan und Bundespräsident Heinz Fischer an einem Tisch, auf dem historischen Raddampfer Hohentwiel über den Bodensee zu schippern. Der Bundespräsident entlocke ihr weitere Erinnerungen, die niemanden kalt lassen würden. 

Abends durchlebte ich dann meteorologisch eine meiner bisher schwierigsten Seeaufführungen. Wir entscheiden sehr spät, noch ins Haus zu ziehen, wofür wir gleichzeitig gelobt und kritisiert werden. 

Während die anderen beiden Casts nun bei sehr gemischtem Wetter ihre Seepremieren haben, laufen im Theater am Kornmarkt beim "Portrait" die Endproben an.

… und ich fiebere dem Tag oder der Nacht entgegen, wann ich endlich einmal wieder ausgiebig schlafen kann!


Zwei Mal Ohnmacht und ein "SS-Mann" im "Aida"-Boot

Montag, 19. Juli. Das Festspielhaus ist zum Platzen voll. In jeder nur erdenklichen Ecke wird geprobt - wie jedes Jahr mit einigen Hindernissen. Mit dem vergangenen Wochenende und den Orchesterhauptproben "Aida" und "Passagierin" ging die erste meiner Großkampfwochen des Sommers zu Ende mit drei unverhofften Erlebnissen.

Einige Sänger kränkeln teils stimmlos mit Erkältungen, Grippe und Darmviren. Unter denen, die es schlimmer erwischt hat, ist auch eine Hauptdarstellerin. Ihr ist der Grippevirus in die Lunge gerutscht und sie steht unter diversen Medikamenten, als sie nach knapp einer halben Stunde Klavierhauptprobe auf offener Szene zusammensackt und vom Bühnenmeister von der Bühne begleitet werden muss. Im naheliegenden Zimmer unserer Haus- und Hof-Masseurin können wir sie etwas aufpäppeln, bis die Sanitäter eintreffen.

Draußen am See wird derweil zeitgleich geprobt. Der "Aida"-Regisseur wünscht überraschend den Auftritt des "Boten" alias Tenor David Danholt, der jedoch auf der Hausbühne gerade als "SS-Mann" im Einsatz bei der "Passagierin" ist. Kurzentschlossen erklärt sich der Sänger bereit, in dicker SS-Wolluniform raus an den See zu gehen und in "Aida" zu spielen. So haben wir einen "SS-Mann" in seiner braunen Uniform, der im Boot vor den blauen "Aida"-Füßen liegend seine weiße Fahne in den Wind hält. Ich weiß nicht wie viele Photos es von SS-Offizieren gibt, die weiße Fahnen im Wind schwenken?

Abends dann die wichtige "Aida" Klavierhauptprobe. Das Wetter ist perfekt und die Probe läuft nach ein paar anfänglichen Unterbrechungen recht gut, bis unsere neue Darstellerin der "Aida" in den Nachthimmel entschwebt und dabei ebenfalls in Ohnmacht fällt. Wieder rufen wir die Rettung. Zwei Stunden Spital. Sie hat extreme Höhenangst. Eine Hiobsbotschaft am See, wo es gegen Ende der Oper für die beiden Hauptdarsteller mit dem ägyptischen Boot rund 40 Meter in die Höhe geht. Eine der schönsten Szenen dieser Produktion, die nun jedoch gefährdet ist.

Weil die Abendproben am See bereits alle zur Originalzeit stattfanden, kommen wir immer erst nach Mitternacht nach Hause. So sind die Tage noch länger, noch mehr Menschen wollen etwas von mir und das Schlafmanko baut sich auf. Da muss ich aufpassen, dass irgendwann nicht die Nerven blank liegen. Da hilft: Morgens Baden im Bodensee, was bei dem herrlichen Sommerwetter ein wahrer Genuss ist und meiner Seele eine echte Auszeit verschafft. Alles wird gut."